Hippolini

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Die Hippolini Reit-Lehrmethode in der Praxis

Hippolini ist eine Reit-Lehrmethode, die 1996 von der Pädagogin und Reitlehrerin Jeannette Wilke für Kinder entwickelt wurde: Anders als die meisten traditionellen Reit-Lehrmethoden, die dem Militär (Kavallerie, Longe, Abteilungsreiten etc.) oder dem Turnen (Voltigieren) entstammen, entstammt diese Methode der Pädagogik, speziell der sogenannten Reformpädagogik.[1] Der Begriff Hippolini ist ein Kofferwort aus Hippologie (Wissenschaft vom Pferd) und Bambini, (italienisch: Kinder).

Methode

Bei Hippolini vergleicht man die Aspekte des Reiten-Lernens mit den Aspekten eines „Dialoges“ zwischen Mensch und Pferd:

  • auf das Pferd hören: sich auf dem Pferderücken in die Bewegung einfühlen, mitschwingen, mit dem Ziel, einen ausbalancierten Sitz zu entwickeln.
  • mit dem Pferd sprechen: dem Tier mitteilen, was es tun soll, mit dem Ziel, eine einfühlsame Einwirkung und den durchsetzungsfähigen Umgang des Menschen mit Pferd oder Pony zu entwickeln.

Kern der Methode ist, diese beiden Qualitäten des Reitens getrennt voneinander zu trainieren. Die Lernenden sind dabei meist zu zweit am Tier. Die Einwirkung übt der Lernende zu Fuß an der Seite des Ponys. Aus der losgelassenen Balance wird der Sitz geschult. Beide erlernten Qualitäten werden später im Sattel zusammen geführt.[2][3]

Konzept

Das Konzept besteht aus mehreren Bausteinen: Der „Hippolini Mini-Club“ wendet sich an Kindergarten-Kinder. Die Kurse I, II und III können Kinder ab dem Schulalter bis zu ersten Abzeichen führen. Sie bestehen aus Sequenzen für eine Gruppe mit sechs bis acht Lernenden. Ziel ist, mit Bewegung und im sozialen Miteinander eine reiterliche Basis zu schaffen. Hierzu werden zwei ausgebildete Schulpferde /-ponys benötigt, die zueinander passen und zur Größe der Schüler passen. Die Kurse sind nach Alter gestaffelt. Es gibt Schul- und Kindergarten-Projekte, Show-Events, Geburtstagsfeiern oder Gesundheitstraining.

Pferdepflege sowie soziales Miteinander gehören zum Lernprogramm, Respekt und Sicherheit sollen dabei für alle Beteiligten Priorität haben.

Pädagogik

Jeannette Wilke bezieht sich mit ihrem Konzept auf die Reformpädagogen Célestin Freinet, Maria Montessori[4], Rudolf Steiner und andere moderne Ansätze der sogenannten ganzheitlichen oder alternativen Pädagogik. Ihr Reitunterricht unterscheidet sich von traditionellem durch:

  • dezentrale Unterrichtsführung, die die zentrale, Kommando gebende Position ersetzt
  • Binnen-Differenzierung zur Individualisierung der Lernprozesse
  • Förderung demokratischen Miteinanders: die Lernenden gestalten den Unterricht mit und schulen so ihr Verantwortungsgefühl [5]
  • Rituale, d.h. es wird ein Sicherheitsrahmen geschaffen, von wo aus die Lernenden immer wieder neu in den Lernprozess starten
  • eine vorbereitete Lernumgebung bietet Möglichkeit für Selbständigkeit und Eigeninitiative
  • selbständiges Arbeiten der Kinder innerhalb der Aufgabenstellungen des Konzeptes fördert Teamfähigkeit[6]

Auf Leistungsmessung im Gegeneinander (wie Noten, Platzierungen, Konkurrenz) wird nach eigenen Angaben verzichtet zugunsten der Entwicklung von Dialog-Fähigkeit, Kooperation und Win-Win-Verhalten.[7]

Haltung zum Pferd oder Pony

Für das Überleben in der Wildnis und den Schutz der Herde hat das Pferd oder Pony im Laufe jahrtausendelanger Entwicklungsgeschichte gelernt Schmerz still zu ertragen. Es ist auf Kompetenz und Verantwortungsgefühl angewiesen. Das Lehrkonzept möchte dies entwickeln und wach halten. Das Pferd ist trotz Domestikation nicht dafür ausgelegt Gewicht auf dem Rücken zu tragen. Der Mensch muss es für das Reiten entsprechend ausbilden und gymnastizieren. Für Schulpferde, die häufiger unausbalancierte, lernende Reiter und Reiterinnen tragen, gilt dies in besonderem Masse. Das Arbeiten weitestgehend ohne Sattel, kurze Sequenzen und viele Reiterwechsel sollen Erholungsphasen bieten und die Verfestigung ungesunder Belastungen vermeiden. Die Bewegungs-Aufgaben sollen für die Tiere abwechslungsreich sein und ihre Gesundheit fördern. Die Signale der „Hippolini-Sprache“ sind dabei so ausgelegt, dass Reitschüler diese bei den Ponys meist schnell anwenden können. Die Lehrkraft muss für die Tiere eine Alpha-Figur sein damit sie die Lernenden akzeptieren. Sie braucht zudem Erfahrung in der Bodenarbeit.[8] [9] Mit dem Zügel kann das Pferd gestört werden, daher sollten Reitanfänger diese zu Anfang nicht benutzen. Als Pendant zur klassischen Arbeit mit der Longe wird bei Hippolini die Bodenarbeit verwendet.

Entwicklungsgeschichte

1996 begann Wilke als Pädagogin der Freien Schule Prinzhöfte (Zentrum für ökologische Fragen und ganzheitliches Lernen) mit Vorlaufprojekten (2 Ponys, 8 Kinder). Zurück im Einrich bot sie ab 1997 im dortigen Zucht-, Reit- und Fahrverein die ersten Kurse für Grundschulkinder an (Hippolini Kurs I und II). Nach sieben Jahren Erprobung, Dokumentation und Evaluation wurde das Konzept 2003 niedergeschrieben. 2004 wurde der Name Hippolini eingetragen.[10] und die Gründung des Hippolini Institut. 2006 startete das erste jährliche Schulprojekte in der Fledermausschule/ Heidenrod-Laufenselden. 2007 gründete sich der Hippolini Verband e.V.. Aus dem Ausland bekam die Lehrmethode Anerkennung und wurde als eine der „andersdenkenden und zukunftsorientierteren Methoden“ bezeichnet.[11]

Ausbildung und Verbreitung

Das Schild des Hippolini Verbands weist zertifizierte Hippolini-Lehrkräfte aus.

Hippolini Institut

Vermittelt wird die Reit-Lehrmethode am Hippolini Institut. Die Ausbildung kann von Trainern und Übungsleitern anerkannter Verbände absolviert werden sowie von freischaffenden Reit-Lehrkräften bei Nachweis ihrer Kompetenzen. In den Jahren 2004 bis 2013 liessen sich nach Angaben des Instituts 336 Lehrkräfte aus unterschiedlichen Reitweisen qualifizieren.

Einsatzbereiche

Hippolini wird in Reitvereinen, privaten Reitanlagen und sonstigen Einrichtungen rund um das Thema Pferd und Reiten angeboten. Seit 2006 gibt es Schulprojekte, seit 2008 Kindergarten-Projekte und mit zunehmender Verbreitung von Ganztags-Schulen findet man es auch dort im Kursangebot. Es ist kein therapeutisches Angebot, ermöglicht jedoch die Inklusion und wird daher auch im heilpädagogischen Reiten miteinbezogen.

Ausgebildete Hippolini-Lehrkräfte können sich durch ein Zertifikat, einen Mitgliedsausweis und ein Schild des Hippolini Verbands ausweisen.

Berufsfachverband

Der Hippolini Verband e.V. fördert gemäß seiner Satzung den Reitsport, die Reitpädagogik Hippolini und den respektvollen Umgang mit dem Lebewesen Pferd. Nach Angaben des Verbandes stieg die Mitgliederzahl von seiner Gründung 2007 bis zum Jahr 2013 auf 240. Er wird beim Amtsgericht Montabaur im Vereinsregister geführt.[12]

Kritik

Da auf den Einsatz eines Sattels meist verzichtet wird brauchen die Kinder Eingewöhnungszeit für das Reiten im Sattel.[13]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Pegasus, 27. Jahrgang, 01/2006, Hippolini: Geballte Pädagogik für Pony und Kind, S. 26-30
  2. Pferdplus, 10/2010, Happy mit Hippolini, S. 18-23
  3. freizeit im sattel, 46. Jahrgang, 07/2004, Reiten lernen wie ein Ritter, ISSN 03-42-4758, S. 67-70
  4. piaffino, 5. Ausgabe, 01/2013, Das Hippolini-Konzept - Reiten ist wie ein Gespräch zwischen Mensch und Tier, ISSN 41908202, S. 6-7
  5. Pegasus, 27. Jahrgang, 01/2006, Hippolini: Geballte Pädagogik für Pony und Kind, S. 26-30
  6. Stefanie Tennigkeit, Christine Plagge: Inwieweit unterstützt eine pädagogische Leitung in spielerischen Reitgruppen (Voltigieren und Hippolini) die Entwicklung von Teamfähigkeit eines Grundschulkindes im Alter von 6 bis 10 Jahren? Forschungsarbeit zur Erlangung des Sozialpädagogik-Diploms an der Saxion Hoogeschool, Enschede 2006, S. 101
  7. freizeit im sattel, 46. Jahrgang, 07/2004, Reiten lernen wie ein Ritter, ISSN 03-42-4758, S. 67-70
  8. Reiter Revue, Abo-DVD 12/2004, Sabine Abt: Jeannette Wilke erklärt ihre Reitlehre
  9. Reiter Revue, 12/2004, Alternative Ausbildungsmethode für Einsteiger - Wie sagt man’s einem Kinde? S. 142-145
  10. Wort-Bildmarke 30400506
  11. http://reitpaedagogik.at/zweifelsohne-ein-meisterstuck-fur-reitschulen-der-zukunft
  12. Vereinsregister des AG Montabaur, VR 20266
  13. freizeit im sattel, 47. Jahrgang, 2/2005, Reiten lernen - so macht’s Kindern Spaß, ISSN 03-42-4758, S. 64